Donnerstag, 04.12.2008
Der spielt ja nur
Wolfgang Lünenbürger
Stefan Niggemeiers Beitrag zur Causa Knüwer verstehe ich jedenfalls in genau diese Richtung. Und es ist eine Frage, die “wir” uns gefallen lassen müssen – und auf die wir auch eine Antwort geben sollten.
Zu meiner Jobbeschreibung gehört es, hellsichtig für neue Trends in der Internetkommunikation zu sein und neue Spielzeuge – nenne ich es einfach mal beim Namen – auszuprobieren. Allerdings ist das nie Selbstzweck, sondern wenn ich das tue, dann unter der Fragestellung, ob das, was da passiert, für unsere Kunden und die professionelle Kommunikationsarbeit etwas bedeuten kann – und wenn ja, dann was. Denn im Kern sehen wir ja, dass Thomas in einem Recht hat mit seinen Tiraden gegen den traditionellen Journalismus: Ihre Erzeugnisse werden weniger und weniger relevant für mehr und mehr Menschen. Und darauf müssen wir als Kommunikatoren uns einstellen und reagieren.
Darauf muss auch der Journalismus reagieren, insofern würde ich sogar so weit gehen, zu sagen, dass Iwersen mit seiner Kritik am Kollegen Recht haben mag – und dennoch den Kern nicht trifft, weil da einer experimentiert, wie Journalisten heute anders arbeiten könnten. Vielleicht noch nicht mit optimalem Ergebnis, aber er probiert es.
Was heißt das für mich?
Ich experimentiere, beobachte, probiere aus – und entwickle an Stellen, die zunächst im Web 2.0, in meinen öffentlichen Profilen, nicht sichtbar sind, Programme und Projekte für Kunden. Das Tolle ist, dass dieses Ausprobieren dazu führt, dass wir als Unternehmen Erfahrungen sammeln, von denen alle bei uns profitieren. Und dass immer mehr Kolleginnen selbst aktiv werden und selbst Ideen und Projekte für ihre Kunden entwickeln, die auf die neuen Medienrealitäten reagieren.
Bin ich also ein Schmarotzer? Vordergründig ja, denn ich verbringe einen Teil meiner Zeit mit Sachen, für die mich kein Kunde direkt bezahlt. Ich kann das nur tun, weil meine Kolleginnen und Kollegen so gute Arbeit leisten, dass wir als Unternehmen uns genau das leisten können, was wiederum unsere Kunden von uns erwarten: Uns eine Meinung zu bilden und Erfahrungen zu sammeln in neuen Kommunikationsarenen, in denen wir unsere Kunden dann im nächsten Schritt begleiten und beraten können.
Und weil das so ist, beschimpfe ich meine Kolleginnen auch nicht (was vielleicht der eigentliche Unterschied zur Causa Knüwer ist). Ich benenne die Punkte, an denen wir uns auch als Branche aus meiner Sicht ändern müssen. Aber ich anerkenne, dass meine Rolle und meine Arbeit nicht das Maß aller Dinge ist. Und mal ganz ehrlich: Ohne die Resonanzverstärkung durch klassische Medien wäre nahezu keine Aktion im Raum der sozialen Medien für mehr Menschen sichtbar gewesen als die eben dort Aktiven...
Kommentare
Stellt Iwersen wirklich in erster Linie eine Frage? Nach meinem Geschmack pinkelt er einen Kollegen auf sehr persönlicher Ebene an. Stellt gar dessen Kompetenz allgemein und öffentlich in Frage. Dass Thomas den Kommentar gelöscht hat, kann man in sofern durchaus als Kollegenschutz verstehen. Schlau wars nicht, weil es im Internet eben nicht funktioniert.
Sofern Iwersen tatsächlich "Deine" Frage stellen wollte, ist Deine Antwort natürlich völlig richtig.
Die Kritik von Iwersen ist berechtigt; obgleich die Form etwas fragwürdig ist. Das direkte Gespräch wäre wohl angebrachter gewesen, um dann darüber zu bloggen. So hätte es gehen können. Das Schmarotzertum sehe ich nicht. Wir haben Glück, das Hobby und Arbeit so dicht nebeneinander liegen.
Mal abgesehen von Iwersens Tonfall und seiner Kritik - sehe ich hinter dem, was er schreibt, schon diese Frage, denke ich. Jedenfalls ist es die, die ich mir bei seinem Kommentar gleich gestellt habe ;)
Und ja, Schmarotzertum ist zu hart formuliert. Aber solange nicht klar ist, was der Rest des Teams davon hat, dass jemand nicht vordergründig produktiv ist mit dem, was er tut (also nicht die Print- oder Onlineausgabe füllt oder bezahlte Stunden für Kunden arbeitet oder oder oder), muss schon ein Konsens darüber bestehen, dass es eine sinnvolle Investition ist. Finde ich. Und für diesen Konsens sind wir "Spieler" sehr wesentlich mitverantwortlich. Wenn er nicht herrscht (und mir stellt sich die Frage, ob er bspw beim Handelsblatt zzt herrscht), geht es leicht schief.
Mein erster Gedanke: Endlich spricht es mal jemand aus.
Ich denke, das Problem liegt nicht darin, neue Spielwiesen anzutesten, dortige Untiefen auszuloten.
Die Kritik geht wohl eher gegen die selbstherrliche Art und Weise wie Knüwer das getan hat...
Ich glaube, eine Diskussion in dieser Form kann es wirklich nur ein Deutschland geben. Du fragst in diesem Beitrag im Wesentlichen: "Bin ich ein Schmarotzer, weil ich mein Geld mit dem verdiene, was mir Spaß macht?"
Wenn das mehr Leute täten, dann ging's der europäischen Wirtschaft vermutlich etwas besser :-) Außerdem, keine Sorge: bei angestellten Journos verdient in erster Linie eh der Verlag.