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Mittwoch, 27.08.2008

Nein, das ist keine Sensation. Aber richtig gut!

Wolfgang Lünenbürger
Hubertus Heil, SPD-Generalsekretär, ist in Denver beim Parteitag der amerikanischen Demokraten und twittert von da. Und um meine Bewertung gleich vorweg zu nehmen: Er macht es richtig gut!

Wenig verwunderlich, dass Spiegel Online das anders sieht:
Das Internet senkt die Hemmschwellen und verführt zur Indiskretion - die Regel gilt offensichtlich auch für Generalsekretäre, die in Pressekonferenzen eher für ihre Schmallippigkeit bekannt sind.
Wie der gestrige Artikel dort wiederum zu bewerten ist, hat deren Handelsblatt-Kollege Thomas Knüwer abends noch schnell und - ebenfalls: richtig gut - erklärt:
Es ist leicht, Heils Twitter-Berichte runterzumachen. Manche sind wirklich platt, andere bringen kurze Stimmungsmomente, einige auch kleine Schmunzler. Aber: Hier macht sich ein Politiker ansprechbar. Und dieser Versuch verläuft bisher besser als all die auf TV-getrimmten Langeweiler-Videos.
Das aber ist eine abwägende Beurteilung mit der These "Nicht schlecht, kann man sich angucken, mal schauen, was draus wird". Viel zu wenig sensationsheischend eben für Spiegel Online.
Und wenn man sich das anschaut, was Heil da macht, ist es wirklich erstaunlich.

Denn einerseits "redet" er wirklich mit denen, die ihm zuhören, beantwortet Fragen und ist direkt ansprechbar (zu erkennen an den zahlreichen Tweets, die ein "@abc" dabei haben, also auf den Twitteruser "abc" eingehen), andererseits nutzt er Twitter genau so, wie es auf Konferenzen und unterwegs möglich ist - direkt vom Mobiltelefon, hier vom Blackberry aus (mache ich auch viel). Und zum dritten - und vielleicht für Leute, die Twitter und Heil eher von weiter weg beobachten, am überraschendsten: Es interessiert seine "Follower", wie die Zuhörer bei Twitter heißen. Sie werden auch immer mehr, wie Twittercounter enthüllt:



Was passiert hier also?
Ein (jüngerer) hoher Funktionär einer Partei schreibt unter dem Parteilogo persönliche Eindrücke in einem unverbindlichen, lockeren Stil und Kanal, spricht mit menschlicher Stimme mit seinen (potenziellen) Wählern, erntet Häme von einem Online-Leitmedium, bekommt viel Zustimmung von Onlineaktivisten, hat Spaß.

Jedenfalls ist es auf dieser Ebene der erste ernsthafte Versuch aus der deutschen Politik, sich mit einem echten Dialoginstrument des Web 2.0 zu beschäftigen. Bisher waren es Nachwuchsleute und lokale Organisationen, die da aktiv waren.

Es kommt nicht auf die eigene Position zur SPD oder zu Herrn Heil an, um anzuerkennen: Das macht er richtig gut, da spricht einer, der als Person hinter seinen 140-Zeichen-Einträgen zu erkennen ist. Und der jetzt gerade, wie er eben twitterte, schlafen geht...

Kommentare

Die_Gruenen hat nicht ganz so viele Follower und ist nur indirekt vertreten auf dem Parteitag in Denver - per Mail oder sonstwie verschicken Frau Künast und Herr Bütikofer an die Zentrale in Berlin, die dann diese Infos in Twitter einstellt.

Da ist Herr Heil wohl authentischer.

Ich denke, dass der SPON-Artikel Hubertus Heil eher positiv gepusht hat, immerhin kann er seit erscheinen des Artiekl über 400 mehr Follower verzeichnen...
Laut Screenshot des gestrigen SPON-Artikels waren es 174, aktuell sind es 585!

@Andy: Wobei da (bei den Grünen) auch was in der Nacht kam die Tage.... Aber ja, nicht zu vergleichen mit Heil, zumal es so furchtbar anonym bleibt.

@Anne: Klar hat er ihn gepusht (obwohl es auch eine Reihe Follower gab, die ihn ohne SpOn gestern entdeckt haben, gab ja einiges an Twitterrauschen über ihn). Macht es den Artikel deshalb besser?

Nein, aber ich finde das sehr amüsant aus dem Gesichtspunkt heraus, dass das sicherlich nicht das Ziel des Autors Carsten Volkery war...

Ich verstehe die ganze Aufregung um den Twitter nicht. Bekannt ist doch, dass jede Menge "Indiskretionen" immer wieder aus geschlossenen Sitzungen der MdBs sickern. In sofern ist der Twitter von Hubertus Heil ein höchstmaß an begrüßenswerter Transparenz!

so, und nachdem wir uns die Flusen aus dem digitalen Bauchnabel gepult haben, die Frage: welche Perspektiven eröffnen sich daraus (und aus dem Web insgesamt) für die Politik/ Demokratie? Konkret: welche Auswirkungen haben die digitalen Instrumente, die uns helfen Unverbindlichkeit zu organisieren auf die politische/gesellschaftliche Wirklichkeit? Meine Prognose: das Prinzip "Flah-Mob" hat gute Chancen, sich als gesellschaftliches Gestaltungsmuster zu etablieren. Wechselnde, themenorientierte Entscheidungen werden möglich, wobei unklar ist, wer daran wie partizipieren kann. Die etablierten Parteien werden aber trotz des Mitgliederschwundes auf absehbare Zeit die zentrale Organisationsform der Macht - zumindest im nationalen Kontext - bleiben. Und die Partei von Herrn Heil wird trotz seiner sympathischen Gehversuche nicht wählbarer.

@Sascha: und was soll uns das bezogen auf Onlinekommunikation oder Gespräche oder so sagen? #etwasaufdemschlauch

Dass Kommunikation nicht Selbstzweck ist, und dass doch die eigentliche Frage sein könnte, ob und wie sich die "soziale Praxis" durch die neuen Kommunikationsformen verändert. Das geht aber deutlich über "ich finde Twitter super/superblöd, und dass der das jetzt auch noch macht, finde ich auch super/superblöd" hinaus. Bei vielen Bloggern und Anti-Bloggern (Anwesende ausgenommen;-) habe ich aber den Eindruck, dass sie das genau nicht tun, sondern halt vor allem mit sich selbst spielen.

@Sascha: Wer nicht spielt, lernt nix. Insofern sind mit spielende Politiker lieber als solche, die sich das Internet ausdrucken lassen. Welche Art von Kommunikation sich ergibt, wenn der Kanal erstmal 'steht'... ich mein: Wie oft hat man sonst Zugang zum Handy eines Politikers, oder?

Meine Beobachtung ist, dass sich das eigene Kommunikationsverhalten nach und nach ändert, wenn man beispielsweise selbst twittert oder ähnliches macht. Und genau das setzt dann einen Prozess in Gang, der reale Auswirkungen hat.

Das, was du, Sascha, mit der Flashmobbisierung von Politik ansprichst, ist ja in den Parteien schon seit Ende der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts Thema und Experimentierfeld. Dass es darauf dennoch keine echten Antworten in den letzten 20 Jahren hab, ist interessant, oder?

Flashmob als Ordnungsprinzip betrifft ja nicht nur die Politik. Und das mit den fehlenden Antworten hängt wohl auch damit zusammen, dass die Technik (und damit auch die Kulturtechniken), die man dazu braucht, sich erst langsam durchsetzen oder gar entwickeln. Ein Beispiel: Statt sich an einem Ort zu verabreden, ziehen Kiddies heute relativ unbestimmt in die Stadt, um sich dann per Handy/SMS durch den Abend zu steuern. Und im militärischen Kontext ist das Future Warrior Concept (http://nsrdec.natick.army.mil/media/fact/individual/FW.htm) auch nicht viel unterschiedlicher, wobei das auch nichts anderes ist, als eine vollvernetzte Guerilla.

Die echten Antworten darauf wird die soziale Praxis geben, wobei ich erwarte, dass die traditionellen Institutionen sich nur dann erhalten können, wenn sie ein überzeugendes Sinnangebot machen können. Dazu wäre es aber zunächst nötig, sich selbst in Frage zu stellen. Genau das können sie aber nicht, von daher erwarte ich von da auch nicht unbedingt zielführende Antworten.

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